Jagged Alliance Online Test: Der ungleiche Kampf zwischen Gut und Strohdumm

Jagged Alliance. Die Serie gehört fast 20 Jahre nach dem Release des ersten Teils immer noch mit zum Besten, was Fans in Sachen Rundenstrategie zocken können. Nur wenige Spielreihen haben das Genre so geprägt wie die Söldnertrupps, die in taktischen Missionen die Welt retten. Jagged Alliance ist Kult, dementsprechend hoch hängt die Messlatte. In diesem Herbst ist der free-2-play Ableger für den Browser in die Live-Version gestartet. Wir haben die aktuelle Version angespielt, um herauszufinden, ob Jagged Alliance Online derzeit den Erwartungen als moderne und kostenlos spielbare Alternative standhalten kann.

Neulinge für jeden Geschmack

Noch bevor wir einen Blick in unser Feldlager werfen, müssen wir uns entscheiden, wie unser erster Söldner aussieht und was er draufhaben soll. Fünf unterschiedliche Klassen stehen zur Auswahl, vom Späher über den Scharfschützen bis hin zum Nahkampfexperten ist für jeden Geschmack etwas dabei. Jeder Typ bringt eigene Vorteile mit ins noch zu bildende Team. Beispielsweise verfügen Soldaten über viel Ausdauer und Stärke, Schützen hingegen verstehen sich gut auf den Umgang mit Maschinengewehren und Shotguns. Die Wahl unseres ersten Söldners sollte gut überlegt sein, schließlich ist er der Einzige, der für immer bei uns bleibt.

Shotgun-Spezialst oder Präzisionsschütze - Was soll aus unserem Söldner werden?

Wir entscheiden uns für einen glatzköpfigen Kommandosoldaten. Mit einer Pistole ausgerüstet und auf kurze Distanz sind Kommandos wahre Killer. Dank schneller Reflexe eignet sich diese Klasse auch gut für Anfänger. Nun noch schnell einen Namen für unseren Helden und die eigene Firma und auf in den Dschungel.

Grundausbildung ist Pflicht

Doch Stopp! In einer überdimensionalen Anzeige empfängt uns Ivan Dolvich mit einem kurzen Trip in die Vergangenheit. Der Fellmützen-Träger dürfte jedem Jagged-Alliance-Veteranen geläufig sein, allen anderen sei gesagt, seine Fähigkeiten in den allerersten Teilen waren jeden Taler seines Solds wert. Das Tutorial selbst ist angelegt wie eine Grundausbildung bei einer internationalen Söldnerorganisation. In wenigen Minuten lernen wir Bewegungsabläufe und den Umgang mit der Waffe. Das rundenbasierte System mit den Aktionspunkten ist selbsterklärend, trotzdem müssen wir diese Einführung durchspielen, um andere Missionen freizuschalten.

Ein Tutorial, das nicht abgekürzt/abgebrochen werden kann? Klarer Minuspunkt.

Also ballern wir auf Melonen, räumen nach einem Angriff auf und retten uns schließlich auf ein Boot. Alles in allem so anspruchsvoll wie das Menü der Pommesbude an der Ecke, aber jetzt wissen wir immerhin, was nach den ersten Teilen der PC-Reihe passiert ist und in welcher Ausgangssituation wir uns befinden.

Firmenchef mit vielen Aufgaben

Mitten im Urwald haben wir unser Feldlager errichtet und schrauben am wirtschaftlichen Aufstieg unseres eigenen Unternehmens: eine Söldnervereinigung. Wir heuern freiberufliche Experten für gefährliche Missionen an, erledigen Aufträge und sammeln Erfahrung und Ausrüstung, um bei sämtlichen Brandherden überall auf der Welt eine Runde mitzündeln zu können. Dabei müssen wir unterschiedlichen Aufgabenbereichen der Firma unsere Aufmerksamkeit widmen und sollten kein Detail außer Acht lassen, sonst stehen wir am Ende noch ohne Geld oder Munition dar. Die Verpflichtung, Weiterbildung und Ausstattung der Freischärler gehört ebenso zum Programm wie die Zusammenstellung und Verbesserung der Ausrüstung. Welche Mission wir wie gut abschließen, ist ausschlaggebend für unseren Rang in der Söldnerwelt. Gutes Haushalten, Planung und Voraussicht sind das A und O, schließlich wollen wir unsere Jungs nicht in einer ausweglosen Selbstmordmission verheizen. Sie sind der Schlüssel zum Erfolg, also schauen wir uns die Söldner erst einmal genauer an.

Vorerst ein Feldlager, aber nach und nach entsteht mitten im Dschungel eine richtige Operationsbasis.

Der erste Blick in das reichhaltige Angebot der Söldneragentur führt unweigerlich zum Augenreiben. Egal ob schießwütiger Kraftprotz oder tollpatschige Psychotherapeutin, alle "Spezialisten" stehen uns auf Tagesbasis nur für einen bestimmten Zeitraum zur Verfügung – in Echtzeit! Wir haben beispielsweise für ein paar Tausender 24 Stunden lang Gelegenheit, Maddog und Dynamo ins Gefecht zu schicken. Morgen um die gleiche Zeit halten sie erneut die Hand auf, vorausgesetzt, wir wollen ihre Dienste wieder in Anspruch nehmen. Wir sind also gezwungen, kurzfristig erfolgreich zu sein und in Kampfmissionen frisches Geld einzuspielen oder wir sind ratzfatz pleite. Klaro, wenn die Angeheuerten nur auf der faulen Haut liegen, rentiert sich unser Unternehmen nicht. Alternativ können wir die Söldner auch gegen eine gewisse Menge Gold auf ewig für unsere Sache verpflichten. Gold gibt’s gegen echtes Geld, in geringen Mengen aber auch beim erfolgreichen Missionsabschluss. Anders als in den alten PC-Teilen verpflichten wir keine Sanitäter oder Sprengstoffexperten. Die Weiterentwicklung unserer Charaktere ist vielmehr in den sieben Waffengattungen des Spiels möglich. Wir können also wie gewohnt schon früh im Spiel Angeheuerte selbst hochleveln und zu Scharfschützen beziehungsweise Pistoleros ausbilden oder später auf bessere Allrounder umsteigen. Vorgefertigte Experten einer Waffenart liefert die Söldneragentur aber auch in höheren Stufen nicht.

Viele Infos, detaillierte Waffen-Spezialisierung und Anheuern auf Tagesbasis.

Ohne Bleispritze und passendes Spritzmittel nützt uns auch der beste Schütze nichts, also führt nichts an einem Besuch im Shop vorbei. Geführt wird von Lederjacken über Schrotflintenmunition bis hin zu Pflastern alles, was das Söldnerherz begehrt. Neben einer „normalen“ Version findet sich oft auch eine Auswahl an verbesserten Waffen beziehungsweise Ausrüstungsgegenständen. Premium-Waffen kosten auch Premium. Um die stärkeren Knarren weiterhin einsetzen zu können, brauchen wir das passende Söldnerlevel und entsprechend hohe Werte im Umgang mit der Waffengattung. Immer mit auf den Preis der einzelnen Gegenstände geschielt, stellen wir schnell fest, dass es besser nur das Nötigste sein sollte. Wichtig wäre in jedem Fall, immer genügend Munition zur ausgewählten Waffe parat zu haben, sonst wird’s ein kurzer Einsatz.

Jagged Alliance mit Abstrichen

Wer die alten Jagged-Alliance-Teile für den PC kennt, wird nach ein paar PvE-Missionen des Onlinespiels nicht maßlos enttäuscht sein, muss aber dennoch mit weniger taktischen Möglichkeiten auskommen. Deckung suchen, Beute aufsammeln, höhere Präzision durch Zielen und leise Schleichen – das alles ist auch in Jagged Alliance Online unabdingbar. Blickkontakt und Tarnung sind immer noch elementare Bestandteile, manchmal hören wir den Gegner nur. Andere gewohnte Taktikelemente wie auf Dächer klettern, Türen öffnen oder liegend schießen suchen wir dafür vergebens. Bis auf explodierende Gasflaschen und Benzinkanister ist nicht viel Interaktion mit der Umgebung möglich. Zudem stellt der Computergegner gerade in den ersten zehn Einsätzen keinerlei Herausforderung dar, genauer gesagt, die KI ist trotz anderweitiger Versprechungen seitens der Entwickler dumm wie Brot. Damit füllt sich vielleicht unser Firmenkonto schneller, Spannung und Nervenkitzel kommen aber selten auf. Auch im weiteren Spielverlauf werden die PC-Trottel nicht klüger, dafür aber stärker. Das wird spätestens dann offensichtlich, wenn wir schachtelweise Munition auf Schusswestenträger verballern.

Diese Bikerbraut hat uns eiskalt von hinten überrascht, weil wir zu unvorsichtig unterwegs waren. Jetzt müssen wir Schutz suchen oder aus einer unvorteilhaften Position aus kämpfen.

Rund um die Welt

Auf der Weltkarte findet unsere Einsatzbesprechung statt. Hier planen wir eingegangene Aufträge, informieren uns, was wir brauchen und womit wir nach erfolgreichem Abschluss rechnen dürfen. Ausschlaggebend für die Auswahl neuer Missionen ist unser Ruf als Problemlöser. Je mehr Aufträge wir zufriedenstellend erfüllen, desto vielfältiger werden unsere Optionen. Als ein Niemand in der Branche müssen uns zunächst mit den Krümeln begnügen, die für uns übrig bleiben. Die PvE-Missionen gestalten sich also zu Beginn nur linear, sind dafür aber in nette Geschichten eingepackt, denen wir uns meist als Abfolge mehrerer zusammenhängender Einsätze widmen. In diesen Kampagnen gehen wir der Vergangenheit auf den Grund, stellen uns einer Bikergang entgegen und oder nehmen ein Drogen-Kartell auseinander. Erfüllte Aufträge können jederzeit noch einmal gespielt werden, sei es um andere Strategien auszuprobieren, problemlos zusätzliches Geld einzunehmen oder einfach eine bessere Wertung zu erzielen. Bestehen wir die Missionen zudem unter bestimmten Bedingungen, beispielsweise mit weniger Söldnern oder innerhalb einer bestimmten Anzahl Züge, winken uns zusätzliche Belohnungen und ein besserer Ruf.

Looting für ein besseres Leben

Stichwort Belohnungen: Die vielen unterschiedlichen Mitbringsel auf unseren Reisen durch die Welt sind ein überraschend positiver Aspekt. Schon bald hat uns die Sammelwut gepackt, schließlich finden wir hier und da nicht nur seltene Waffen, sondern können mit Relais, Steuerchips und Air-Force-Schuldscheinen auch unser Feldlager aufrüsten. Pflaster, Kissen und Adrenalin peppeln angeschlagene Helden wieder auf und dank Nadel und Faden funktioniert die Ausrüstung wieder. Mit entsprechendem Level dürfen wir sogar eigene Waffen zusammenbasteln, das ist dann wieder schon fast wie in Jagged Alliance 2.

Je höher die Stufe unserer Gebäude und deren Einrichtungen, desto mehr Platz und Optionen stehen uns zur Verfügung.

Jagged Alliance Online Bewertung

Pro
Gute Belohnungen für Aktivität
Premium erspielbar
Kampagnen mit eingebetteten Geschichten
Ansprechende Grafik
Freiraum für Sammler und Aufbaustrategen
Contra
Zu wenig taktische Möglichkeiten in den Missionen
Blasse Charaktere
PvP zu spät im Spiel verfügbar
Doofe KI

0/5 Sterne

Wertung nach mehreren Stunden:

  • Grafik: 82 von 100
  • Sound: 80 von 100
  • Abwechslung/Spielspaß: 72 von 100
  • Einstieg/Handling: 75 von 100
  • Originalität:86 von 100

Gesamtwertung: 79 von 100

Fazit

Jagged Alliance Online ist im Großen und Ganzen ein gut gemachtes Spiel. Als Browsergame zur Jagged-Alliance-Serie aber ist es ein Nachfolger mit weniger Taktik, weniger Charakterspezialisierung und dummen Computergegnern mit teils übermächtiger Ausrüstung. Ja zugegeben, das alte Feeling packt einen schon, wenn plötzlich Gegner hinter einem aus dem Nichts auftauchen. Auch die Story ist schick gemacht. Insgesamt fehlen aber zu viele der Details, die die Teile aus den 90ern so herausragend machten. Wo sind Fidels Sprengstoffkenntnisse oder Ivans Flüche? Oder einfach nur der Nervenkitzel beim Öffnen einer Tür ...? Jagged Alliance Online ist dafür auch eine Aufbausimulation. Man braucht kein BWL studiert haben, um in diesem Spiel ein erfolgreiches Unternehmen zu führen, Planung und Kosten/Nutzen-Abschätzung helfen dennoch weiter, vor allem dem, der nur ab und zu mal im Dschungelcamp vorbeischaut. Das eingangs skeptisch betrachtete Söldner-auf-Echtzeit-Mietsystem entpuppt sich nach mehreren Stunden Spielzeit als durchdacht und ausgewogen: Gelegenheitsspieler haben schnell das Geld für die morgige Mission in der Mittagspause herausgespielt. Trotzdem genießen aktive Spieler etliche Vorteile wie mehr erspieltes Premium und seltenere Ausrüstung.

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