Hearthstone Test: Blizzard holt die Karten aus der Schmuddelecke

Es gibt einen Grund, warum seit Jahresanfang kein Spiel in der Redaktion mehr gespielt wird als Blizzards erster Free-to-Play-Titel. Fast jede Mittagspause hallt die Einladung auf eine „schnelle Runde HS“ durch den Raum. Und immer wieder überrascht es mich, Freunde, Kollegen und Bekannte zu sehen, die laut battle.net vor wenigen Stunden online waren, obwohl es doch früh am Morgen ist. Die gleichen Leute übrigens, die früher die Nase gerümpft haben, wenn ich ihnen Magic: The Gathering näherbringen wollte. Zeit meines Lebens waren Sammelkarten eher eine Randerscheinung in der Gamingwelt, aber keinesfalls tauglich für ein so breites Publikum. Was ist da passiert?

Der Hexenmeister ist eine von neun Klassen in Hearthstone.

Der schon als neuer Geniestreich gehandelte Titel ist gleich in mehreren Beziehungen massenkompatibel: Erstens, ich brauche keinen Gaming PC, um Hearthstone zum Laufen zu bringen. Ein Umstand, den mein schrottreifer Laptop jedes Mal dankend zu würdigen weiß. Zweitens, Hearthstone: Heroes of Warcraft baut auf einer weltweit berühmten Marke auf. Ich persönlich war nie in World of Warcraft unterwegs, kenne viele der Figuren aber noch aus Kindheitstagen. Das und dass nach wie vor Gesichter eines gewissen Pandarenkriegers im Elektronikmarkt meines Vertrauens feilgeboten werden, veranschaulichen wohl, wie stark der Einfluss der Fantasywelt Azeroth auf uns ist. Drittens ist Hearthstone für ein Sammelkartenspiel überraschend simpel und besitzt dennoch Spieltiefe, die auch erfahrene Trading-Card-Gamer zu fesseln vermag. Der Einstieg ist selbsterklärend, aber nicht kinderleicht. Und es ist keines dieser Spiele, in denen ich zig Stunden Lehrgeld zahlen muss, bevor sich erste Erfolgserlebnisse einstellen oder Langeweile aufkommt.

Hearthstone-Tipps auf browsergames.de

Doch das Wichtigste: Hearthstone macht Spaß. Von der ersten Minute an. Mehr noch: Ich verliere ständig, insbesondere in der Arena, aber es stört mich nicht, sondern spornt nur noch mehr an, an meinem Kartendeck zu feilen und neue Kombinationen auszuprobieren. Auch nach Monaten und dem schmerzlichen Verlust eines battle.net-Accounts (mit mehreren legendären Karten) schaue ich regelmäßig nach neuen Quests und für ein paar Runden hinein. Jede der neun Klassen spielt sich anders und verfügt über eigene Karten sowie Fähigkeiten. Treffen zwei Magier aufeinander, heißt das noch lange nicht, dass sich Spiegelbilder duellieren. Auch innerhalb der Klassen ist eine Vielzahl an Ausrichtungen und Taktiken möglich, was regelmäßig für Überraschungen sorgt.

Glück spielt eine Rolle, der Geldbeutel aber nicht. Jeder kann sich das Gold für die Arena und neue Booster erspielen. Natürlich können diejenigen, die viel Geld in neue Kartenpakete investieren, schneller auf eine größere Sammlung zurückgreifen und demzufolge auch früher mit starken Karten ins Duell ziehen. Alles andere wäre ja auch unfair. Das ist nur erkaufte Zeit. Viel entscheidender ist die Ausgewogenheit zwischen seltenen und normalen Decks und in der Beziehung sieht die Balance in Hearthstone gut aus: Auf jede noch so starke Karte gibt es eine einfache Antwort, die jedem zur Verfügung steht, sei es ein Vernichtungszauber oder das beliebte „zum Schweigen bringen“. Für Fairness in gelisteten Duellen sorgt das Matchmaking. Free-Player spielen ganz oben in der Rangliste mit. Man kann also nicht von einer Zwei-Klassen-Gesellschaft sprechen. Bestimmte Karten direkt im Shop kaufen geht sowieso nicht, es steht jedoch jedem frei, Wunschkarten mittels Arkanstaub selbst herzustellen. Im Spielmodus Arena zählt ausnahmslos die Spielerfahrung, da jeder mit einem durch Zufall bestimmten Deck antritt. Weiter zum Fazit!

Hearthstone Bewertung

GrafikOptisch reißt Hearthstone keine Bäume aus, auch im Vergleich mit anderen Online-Kartenspielen. Der Look ist „WoW auf niedlich“ gemacht und in sich stimmig. Effekte und Animationen tauchen auf, ohne übertriebenes Feuerwerk. Auch öfter auftretende Grafikfehler sind in der Open Beta noch zu verschmerzen. Seit Release haben diese aber merklich abgenommen.
SoundEin ganz dickes Plus. Von Anfang an überzeugt die deutsche Vertonung. Kreaturen und Helden melden sich mit teils lustigen Sprüchen zu Wort.
Umfang9 Klassen, 5 Spielmodi (Freundschaftsspiel, Übungsspiel gegen den Computer in zwei Schwierigkeitsgraden, gelistete und ungewertete Spiele sowie der Arena-Modus), 300 Karten und ein paar Schauplätze – Hearthstone steht noch ziemlich am Anfang, soll heißen: Die Wunschliste der Community ist berechtigterweise lang. Neue Helden oder zumindest Skins, weitere Spielvariationen, Maps und Karten sind ein Muss, damit die Masse dabei bleibt. Immerhin, die erste Erweiterung "Fluch von Naxxramas" und ein Zuschauermodus wurden bereits offiziell bestätigt.
Free-to-Play-BalanceVom vorgefertigten Basisdeck des Tutorials über das Karten zum Selbstzaubern bis hin zur starken, aber längst nicht unbesiegbaren Legendary-Kombo. Bislang stimmt die Mischung und ohne Deckbau-Skills nützt auch ein dickes Portemonnaie nichts. Weder sind einzelne Klassen noch einzelne Karten übermächtig. Blizzard hat in der Vergangenheit sehr darauf geachtet, Situationen auszuschließen, die ohne Vorbereitung in einem Zug tödlich sein können. Mit zusätzlichen Inhalten die derzeit gefundene Balance zu bewahren wird die große Herausforderung für die Zukunft sein.
SpielspaßEin klasse Einstieg und schnelle Erfolge, die mich in einen immer tieferen Strudel hineinziehen. Vorsicht, Suchtgefahr! Das Gewinnen von Gold für neue Karten ist nicht zu einfach, lange spielen muss ich dank der Quests und der Arena ebenso nicht. Nach gefühlt hunderten Partien bin ich längst nicht so weit, behaupten zu wollen, ich hätte Hearthstone kapiert. Ich habe allenfalls eine Ahnung davon und werde immer wieder mit neuen Strategien und Kombinationen überrascht, finde einen Lehrmeister und ärgere mich über eigene Fehler.
Pro
Super Einstieg
Cross-Plattform
Gelungene Free-to-Play-Balance
Contra
Macht manchmal sehr wütend
noch kleinere Fehler

5/5 Sterne

Fazit

Klar, wer mit Kartenspielen nichts anzufangen weiß, wird auch an Hearthstone keine Freude haben. Mit diesem Free-to-Play-Titel ist Blizzard jedoch der beeindruckende Spagat gelungen, auch neue Zielgruppen anzusprechen ohne halbwegs erfahrene TCG-Spieler wie mich zu langweilen. Das Gesamtpaket stimmt: Ansprechende Verpackung trifft auf gelungenen Einstieg mit gutem Anstieg des Schwierigkeitsgrades. Hineinschauen lohnt sich in jedem Fall. Verlieren hat selten so viel Spaß gemacht.

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